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SEPTEMBER 2014

Essay

„Sommer“

Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein. Ein Wetterbericht.

V

errückt: Die Eskimos haben 17 Wörter für Geschlechtsverkehr in Fellstiefeln, aber kein Wort für Baggersee. Auch Begriffe wie Freischwimmbad oder Tivoli sind gänzlich unbekannt. Was dem Konzept der Badehose noch am nächsten kommt, ist ein ärmelloser Overall aus Robbenleder, den die Männer in der warmen Jahreszeit von ungefähr Anfang Juli bis ungefähr Anfang Juli tragen. Leider kann ich Ihnen den Namen jetzt nicht hinschreiben, weil mir dafür drei Buchstaben auf der Tastatur fehlen. Noch, muss man sagen. Denn die Einflüsse der eskimotischen Sprache aufs Deutsche werden zunehmen. Und womit? Mit Recht, meine sehr verehrten Damen und Herren leserseitig.

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Weil: Das ist ja einmal ein kleiner, schlecht gelaunter, mieselsüchtiger, trister, abgefuckter Witz von einem „Sommer“ gewesen, oder? Und es war vielleicht erst der Anfang. Also wenn ich ein Sommer wäre, hätte ich mich damit jedenfalls nicht auf die Straße getraut. Richtig, ich verwende die Vergangenheitsform. Auch auf die Gefahr hin, dass jetzt ausgerechnet die große Hitzewelle doch noch kommt und Sie sich, während im Hofgarten ein Waldbrand wütet, bei 37 Grad im Schatten denken: Was soll der Schwachsinn, da ist ja jede Tageszeitung aktueller? Trotzdem. Man darf nach so einem „Sommer“ nicht zur Tagesordnung übergehen. So weit kommt’s noch, dass unsere Kinder bald fragen: Papa, was ist ein Sommer? Und wir antworten: Gab’s früher mal, Khaleesi, frag Papa. Klimawandel schön und gut, aber so war das nicht ausgemacht. Das sage ich als jemand, der fast gar kein Klimaforscher ist, aber eine Meinung hat. Vor allem zu 19 Grad.

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Wer kann, flieht angesichts der desaströsen Großwetterlage in den Süden. Doch von unten rollt Ebola heran. Ich bin jetzt kein Infektiologe in dem Sinn, aber rate doch dazu, sich für Reisen südlich von Franzensfeste richtig durchimpfen zu lassen. Gegen Zecke, Schweine, Vogel – das komplette Programm. Ich selbst führe immer eine praktische Einweg-Regenpellerine vom Papstbesuch 1988 und eine Rolle Paketband mit, um mir in Seuchengebieten einen praktischen Schutzanzug basteln zu können. Man muss dann nicht wegen jedem kleinen Pestfall überstürzt die Heimreise antreten.

Also wenn ich ein Sommer wäre, hätte ich mich damit nicht auf die Straße getraut.

Zumal auch zu Hause Gefahren lauern. Die Kühe machen zurzeit ja mächtig Druck. Nach 400 Jahren Wiener Schnitzel und fünfzig Jahren Almabtrieb für den Tourismusverband wird jetzt zurückgeschlagen. Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass es sich bei der Kuh um ein gefährliches Wildtier handelt, das meist nur mehr mit einem Schuss aus der Elefantenbüchse zu stoppen ist. Oder man geht doch einfach in ein paar Metern Abstand daran vorbei. Das empfehle ich jetzt einfach mal.

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Weil: Man lernt ja so viel bei den Tiersendungen im Fernsehen. Universum und so weiter. Hab ich früher nie verstanden, wie man sich zum hundersten Mal den Nestbau des Haubentauchers ansehen kann. Und jetzt kann ich von dem härtesten Scheiß nicht genug bekommen. Die Tierwelt der masurischen Seenplatte, Schafzucht im Wandel der Zeiten. Gerne auch: Landschaftsgärtner mit Sprachfehler geben Tipps. Oder einfühlsame Porträts von total faden Menschen mit unfassbar unspektakulären Berufen.

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Es kann gar nicht langweilig genug sein für meine Birne. „Sommer“ also auch da.