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DEZEMBER 2015

Essay

Extraröllchen

Über das beste Weihnachtsmenü, wo gibt.

J

etzt wo das Appartement an der Upper East Side endlich abbezahlt ist, bleiben mir altem Kapitalistenschwein eigentlich keine Wünsche offen. Höchstens, dass das Licht im Westflügel nicht gleich wieder kaputt geht vielleicht. Also, das wäre schon schön. (Jetzt nur für den Fall, dass Weihnachtskind oder Christmann mitlesen.)

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Jedenfalls: Es gibt da zu Weihnachten ja so manch liebgewonnene Tradition. Würstelsuppe zum Beispiel. Oder gerne auch Karpfen. Blau oder paniert – was lustigerweise nicht dasselbe ist.

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Auch bei mir zuhause besteht eine liebgewonnene Tradition. Seit dem Hochmittelalter wird am vierundzwanzigsten Dezembertsten stets folgendes Menü auf den Tisch gezaubert: 1. Räucherlachs auf Toastbrot mit Oberskren, 2. Mayonnaisesalat und 3. Schinkenspargelröllchen. Also jetzt nicht zwingend hintereinander, wenngleich ich selbst in dieser Angelegenheit durchaus ordnungsliebend bin und aus Erfahrung weiß, dass Schinkenspargelröllchen auch in höheren Stückzahlen sehr gut verträglich sind und sich deshalb ausgezeichnet für das Verköstigungsfinale vor dem Koma eignen. Aber weil Weihnachten ist, darf jeder essen, wie es ihm gerade beliebt. Weil so viel Demokrat bin ich schon noch.

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Jedenfalls: Erlauben Sie mir, liebe Freunde der Besinnlichkeitsküche, bezüglich dieses großartigen Menüs einige Anmerkungen. Ad 1) Die Ansprüche an den Räucherlachs haben sich über die Jahre natürlich verändert. Heute kommt nur mehr ein Hardcore-Bio-Wildlachs auf den Teller. Schließlich ist man kein Unmensch. Wird irgendwo im Nordatlantik von norwegischen Kampftauchern nach der Unterzeichnung einer Einverständniserklärung zu Tode gestreichelt. Manchmal kommt auch der Spock-Griff zur Anwendung, sofern ich das Siegel von der Meeres-Stewardessen-Vereinigung richtig deute. Zudem handelt sich bei den Lächsern hauptsächlich um vorbestrafte Singles, die mit dem Leben ohnehin abgeschlossen haben. Alles zusammen rechtfertigt natürlich den Preis von 90 Euro pro Feinunze.

Bei den Lächsern handelt es sich um vorbestrafte Singles.

 

Ad 2) Beim Mayonnaisesalat wiederum sprechen wir nicht von einfach so Mayonnaisesalat. Au cointreau! Wir sprechen hier von einem auf das Raffinierteste komponierten Rezept, das mit dem sogenannten Italenischen (ja, ohne zweites i) genau überhaupt gar nichts gemeinsam hat. Hinein kommt ausschließlich: Hörtnagl-Extrawurst, Essiggurken, Mayonnaise, Pfeffer und ein Schuss Weinessig. Absolut sicher nicht hinein kommt: Erbsen, Mais, Kartoffel oder sonstige Gemüseverrücktheiten, die das Prekariat zum Strecken verwendet. Wichtig außerdem: hundertprozent exaktes Arbeiten beim Aufschneiden. Sie können bei einer Gallenblasen-OP hudeln oder in der Bilanzbuchhaltung, aber nicht beim Mayonnaisesalat. Wenn Gurken und Wurst nicht superpräzise geschnitten sind, können Sie sich gleich im Kühlregal bei der E-Nummern-Pampe bedienen.

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Ad 3) Die Spargelschinkenröllchen – gut, ich räume ein, dass diese Köstlichkeit nicht jeden begeistert, zumal das Rezept hier keinen Hofratswitwenschinken, sondern mehr die gepresste Variante („Schinken“) vorsieht. Warum? Damit der fasrige Billigspargel aus dem Glas besser zur Geltung kommt. Trotzdem werden die alljährlichen Proteste von mir mit eiserner Hand niedergebügelt. Weil: Tradition ist Tradition. Und in diesem Fall sogar eine ganz besondere: Mein Vorfahre Johann Nepomuk Park soll Ende des 18. Jahrhunderts eines Heiligabends seine letzte Spargelrolle mit einem geheimnisvollen Fremden geteilt haben.

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In der Familie erzählt man sich seitdem, dass dieser Unbekannte vielleicht ein verkleideter Jesus war. Oder wenigstens ein Heiliger oder so was. Ich glaube fest daran und habe deshalb jedes Jahr einen Teller Extraröllchen parat, die ich mir dann in Ermangelung eines unangekündigten Incognito-Besuchs am Christtag zum Frühstück genehmige. Dazu noch eine Tasse Eierlikör – und Weihnachten ist so, wie es sein soll: viel. 

 

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