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SEPTEMBER 2018

Essay

Einfach so Schule

Gute Eltern, gute Nacht.

E

s sind Zahlen, die betroffen machen: Über 95 Prozent aller Kinder unter sechs Jahren können nicht lesen. Die meisten Vierjährigen in Österreich haben schon Probleme, bloß ihren Namen zu schreiben. Dabei heißen nur die wenigsten Noël Sean Skiffskovitch-Pschyrembel, was den wohlwollenden Beobachter noch irgendwie in die Lage versetzen würde, ein gewisses Verständnis aufzubringen. Ich meine, ein Bindestrich ist halt einmal schwierig.  

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Man muss also sagen: Zum Glück fängt die Schule wieder an. Doch bevor Sie sich, liebe Leser, jetzt in Ihrer eigenen profunden Alphabetisiertheit zurücklehnen und den Ball entspannt bei den Pädagogen unseres großartigen Landes wähnen, muss ich Ihnen mitteilen: Einfach so Schule reicht heute nicht mehr! Einfach so Schule heißt: Bald kommt das Jugendamt. Einfach so Schule bedeutet: Ich bin Mitglied des Prekariats, was mir aber komplett wurscht ist, weil ich eh nicht weiß, was das bedeutet. Und mein Kind auch nicht.  

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Gute Eltern schicken ihren Nachwuchs nicht mehr in die Schule. Gute Eltern fahren erstens, weil ja der Dritt-SUV bewegt werden will, und zweitens bringen sie die Sprösslinge in eine Bildungseinrichtung, die sich dank exklusiver Schwerpunkte wohltuend von einfach so Schule abhebt. Mandarin als dritte Unterrichtssprache zum Beispiel oder ein ausgesuchtes Sortiment an kleinen Elite-Ausländern, deren Eltern derart hochqualifiziert sind, dass der eigene Mag. in Wirtschaftspädagogik fast ein bisschen mickrig aussieht, wenn man ehrlich ist; oder eine vegetarische, 100 Prozent weißmehl- und zuckerfreie Schulküche, die von einem maximaltätowierten Hipsterkoch mit Bart bis zum Brustbein betrieben wird. 

Einfach so schule heißt: Bald kommt das Jugendamt.

 

Klar, ein Gärtner sagt ja auch nicht: Was ich für meine Blumen tue? Ich versuche nicht draufzusteigen. Nein, er wird mittels Bewässerungskonzept, Spezialdünger und Beschallung mit ausgewählten Mozart­klaviersonaten für optimales Wachstum seiner Schützlinge sorgen; er wird alles tun, um sie schon während der Aufzucht perfekt auf ihre späteren Aufgaben als Hyazinthe, Blauregen oder Kletterrose vorzubereiten.  

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An vielen guten Eltern nagt trotz raffinierter Schulwahl dennoch der Zweifel. Mache ich genug, um meinem geliebten Abkömmling einen Startvorteil gegenüber den bodennahen Schwachwurzlern und ihrer unübersehbaren Hauptschultendenz zu verschaffen? Während der Audi Q5 zur Mittagszeit vorm Schuleingang auf das Eleganteste den Verkehr behindert, ist hinter dem Steuer ein sehnlicher Wunsch stets präsent: Ja, mein Kind soll es einmal besser haben als ich.

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Keine Frage, Waldviertler-Schuhe sind ein Anfang. Wichtig ist, dass zwischen Geigenunterricht und Yogastunde noch ein bisschen Zeit für unbekümmertes Herumtollen beim Italienischkurs bleibt. Auch Herzensbildung zählt. Deshalb wird samstags der Bauern­markt besucht, wo die Kinder ganz viele schrundige Hände mit echtem Dreck unter den Nägeln bestaunen dürfen und so lernen, dass die Bio-Lebensmittel, die Oma bezahlt, weil die Leasingrate vom VW-Bus das Haushaltsbudget so belastet, auch von jemandem hergestellt werden müssen. Und wenn dann noch etwas Zeit bleibt, darf wegen der Gehirnentwicklung sogar noch ein wenig pädagogisch wertvoll auf Papas iPad herumgetatscht werden; wobei: eigentlich geht es ja vor allem um das Gehirn von Mama, die dann immer heimlich mit einer Parisienne light und einer Dose Air Wick Kirschblütenzauber ins Gäste-WC verschwindet.  

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Doch genug mit all dem spöttischen Gewese, zumal mir auffällt, dass bei drei Semikola in einem Text die Grenze des Erträglichen also wirklich erreicht ist. Oder wie wir Normalschulbesucher sagen: Kein Schwein braucht Strichpunkte.