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SEPTEMBER 2016

Essay

Auf Reisen i

Zu Besuch in der lustigsten Stadt der Welt

D

ie lustigste Stadt der Welt befindet sich in Argentinien, genauer gesagt: in der Provinz Tucumán, Departamento Chicligasta. Von Norden kommend ist es am einfachsten, wenn man beim zweiten großen Kreisverkehr die Überlandstraße verlässt und etwa 200 Meter nach der YPF-Tankstelle rechts abbiegt. Reist man hingegen aus östlicher Richtung an, empfehle ich, sich durchzufragen. Findet nicht gerade eine Geldentwertung oder ein Militärputsch statt, ist der Argentinier sehr hilfsbereit.

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Ihren Titel als Humormetropole trägt die lustigste Stadt der Welt zurecht. Nirgendwo anders wird mehr gelacht, nirgendwo anders liegen sich die Menschen so selbstverständlich in den Armen, wischen sich, man möchte fast sagen: routiniert, nach Luft japsend die Tränen aus den Augen. Das hat natürlich einen guten Grund: Kein Ort der Welt kann mit einer höheren Pointendichte aufwarten. Im Schnitt sind es hier rund 47.000 pro Tag – und das bei nur 24.291 Einwohnern.

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Fest steht: Die Menschen hier sind es, denen die lustigste Stadt der Welt ihren Ruf verdankt. Und nicht stadtplanerische Grotesken wie das Hafenviertel ohne Wasser oder der 2003 errichtete Rathausturm, der frappant an einen Penis erinnert, weil das Fremdenverkehrsbüro der Meinung war, Touristen würden sich diese Art von Witzigkeit in der Spaßkapitale del mundo heute einfach erwarten. Man muss sagen: Die Tourismusexperten lachen mehr, als sie arbeiten.

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Dabei hat die Stadt solche architektonischen Grenzgänge gar nicht notwendig. Schon im Kindergarten begeistern Vierjährige ihr Publikum mit Pointen, die in Deutschland zur Begründung einer jahrzehntelangen Kabarettistenkarriere berechtigen würden. Es gibt Knirpse in der Vorschule, die noch kaum ihren Namen zu schreiben in der Lage sind, aber bereits Karikaturen anfertigen, die so treffend, so beißend komisch, so böse sind, dass die mit Spott und Hohn Überschütteten eigentlich sofort klagen müssten, wenn denn ein Richter aufzutreiben wäre, der ihnen Recht gäbe.

Wo sonst lacht man noch über einen sprechenden Postkasten?

 

Beim Spaß versteht man in der lustigsten Stadt der Welt aber überhaupt keinen ebensolchen. Die Menschen hier sind regelrechte Humoraficionados, weshalb man das Beschreiten des Rechtsweges, sobald ein Witz im Spiel ist, von vornherein abhaken kann.

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Obwohl die Statistik eine der niedrigsten Selbstmordraten der südlichen Hemisphäre ausweist, passieren in der lustigsten Stadt der Welt immer wieder tragische Unfälle, die der Ortsfremde als Selbsttötungen interpretieren könnte. Gerade junge Männer riskieren für den ultimativen Gag oft zu viel, gehen den sprichwörtlichen einen Schritt zu weit und landen aus sieben Metern unsanft auf dem Betonboden. Manchmal sind es auch sechs Meter und es kann auch mal Kopfsteinpflaster sein. Aber das ändert ja nichts an der Grundproblematik. Nicht selten verliert dann auch noch ein Zuhörer vor Lachen das Gleichgewicht und stürzt hysterisch brüllend hinterher. Wer durch die Straßen der lustigsten Stadt der Welt schlendert, ist deshalb gut beraten, das Geschehen oberhalb immer ein wenig im Blick zu behalten.

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Auch muss man damit rechnen, in eine Falle der „Versteckten Kamera“ zu geraten. Irgendeine Produktionsfirma ist eigentlich immer in der Stadt. Grund: Weil die Bevölkerung wirklich jeden Spaß versteht, werden hier unzählige Ableger dieses nicht mehr ganz taufrischen Klassikers der Fernsehunterhaltung abgedreht. Denn wo sonst bitte lacht man heute noch über einen sprechenden Postkasten oder eine vermeintliche Klosterfrau, die sich nach einer Münze bückt und dem Betrachter – pardauz – ihren von einem Stringtanga nur rudimentär verhüllten Popo entgegenstreckt?

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Es ist allerdings schwer vorzustellen, dass diese clowneske Ausschussware im Sinne Humberto Bautista Valdano Altevanedas gewesen wäre. Immerhin stammt von dem mythenumrankten Stadtgründer ein nicht weniger legendärer Klassiker des internationalen Humors: „Mamá, ¿qué hay para comer?“

„Mierda con fresas.“ 

„¡Puaj! – fresas.“

 

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