Wir empfehlen
MÄRZ 2015

Essay

Dental-Emmentaler

Oder: Ein Plädoyer für gelbe Zähne

E

s gibt so Sätze, die man nie zu schreiben vorgehabt hat. Das hier wird ein Plädoyer für gelbe Zähne. Hatte ich jetzt zum Beispiel nicht auf der Rechnung. Ist aber so. Das hier, liebe Freunde von der lesenden Zunft, wird aber so was von ein Plädoyer für gelbe Zähne, das können Sie mir glauben. Echt jetzt.

// 

Der Grund: Immer öfter überkommt mich das Bedürfnis, eine Sonnenbrille aufzusetzen, wenn ich angelächelt werde. Nicht, dass mir das dauernd passiert, das mit dem Angelächelt-Werden, aber manchmal geschieht es halt doch. Aus Versehen wahrscheinlich oder eiseskältester Berechnung.

// 

Jedenfalls: Du wirst heute immer öfter ja regelrecht geblendet, wenn jemand den Mund aufmacht. Ein Blinken und ein Strahlen im Ausmaß einer handelsüblichen Marienerscheinung ist das. Und ein Weiß, das man eigentlich nur in der Antarktis bekommt – wenn man ganz, ganz nett darum bittet. Nein, dank der Segnungen der modernen Dentalkosmetik lässt sich heute auch der Normalzahn ins absolute Reinweiß danchloren oder cillitbangen.

// 

Kannte man früher ja eigentlich nur von US-amerikanischen Filmstars. Aber diese Zeiten sind vorbei. Weil: Es ist beileibe nicht mehr so, dass wir in Europa nur mit Originalbeißern in Sartre-Grau oder Jelinek-Gelb herumlaufen und uns deshalb über die Oberflächlichkeit der Amis echauffieren könnten.

// 

 Ja, ja, sagen Sie jetzt vielleicht. Da hat einer mächtig gelbe Zähne und will sich seinen Dental-Emmentaler schönschreiben. Ich sage: Dann passen Sie mal auf, ich erzähle Ihnen einmal was über meine Zähne.

// 

Stellen Sie sich vor: ein Saloon-Piano und eine Tastatur im fortgeschrittenen Stadium der Abgespieltheit. Schon in der Fabrik damals während der Großen Depression hat man zu einem Stoßzahn der Kategorie 3 gegriffen. Vielleicht war der Elefant starker Raucher, oder sonst halt schlechte Gene. 

ein Weiß, das man nur in der Antarktis bekommt – wenn man ganz, ganz nett darum bittet.

Dann der Klavierspieler: ein ungepflegter Sack von einem Piano Man, mit brutalen Fettfingern, die seiner Vorliebe für Paprikachips geschuldet sind. Jede Menge Angstschweiß ist auch im Spiel, weil die Bronson-Brüder oft schlechte Laune haben. Außerdem gab’s mal zwei Kopfschüsse in unmittelbarer Nähe des Pianos, Stichwort: Gehirnmasse und so weiter. Man kann also sagen: verschärfte Bedingungen für Klaviertasten.

// 

Wenn Sie jetzt bitte so freundlich wären, sich gedanklich über die Tastatur zu beugen und einmal das zweigestrichene h anzuspielen: Es erklingt nicht nur ein honky-tonkyesker Ton von minderer Qualität und absolut untergeordneter Bedeutung. Ich meine, h gibt es in Amerika gar nicht. Dort heißt es b – und das nicht ohne Grund. Was aber im vorliegenden Fall noch wichtiger ist: Wir haben es mit einer abgefuckten, ausgefransten kleinen Scheißtaste zu tun, die längst jeden Anspruch aufgegeben hat, weiß zu sein, aber nicht den Mut aufbringt, sich endlich vorbehaltlos zum Gelb zu bekennen. Genau so, liebe Freunde der Blend-a-med-Forschung, sehen meine Zähne aus.

// 

Und wissen Sie was? Das ist mir so was von egal. Weil: So ist meine Knabberleiste nun einmal – echtes 750er-Gelbweiß. Und ich werde einen Scheiß tun, daran etwas zu ändern.

// 

Stattdessen schreibe ich lieber Plädoyers. Gefasst machen können Sie sich schon einmal auf: „Wir brauchen eine Selfie-Steuer!“, „Eine EU-Kleiderschrankhöchstgrößenverordnung tut not“ und „Spiegel aller Länder, zertrümmert euch!“ Bis dahin: Bleiben Sie schiach, aber glücklich. Oder werden Sie es.               

[email protected]