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OKTOBER 2020

W e l c o m e S t u d e n t s

Ausgegangen

Das Innsbrucker Nachtleben macht gerade eine schwere Krise durch. Die vorverlegte Sperrstunde und andere Beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie stellen alle vor große Herausforderungen: Clubbetreiber, Stadtpolitiker und Nachtschwärmer.

Lisa Schwarzenauer, Jakob Matt | Fotos: Franz Oss
D

er im Oktober 2019 in Innsbruck das neue Semester anging, fand in der Stadt eine lebhafte Nachtwelt vor: In der p.m.k, der Bäckerei und im Treibhaus spielten Bands und Künstler aus aller Welt, in Blue Chip, Filou oder Tante Emma ließ der Sound bis in die frühen Morgenstunden nicht nach – und erst dann verzogen sich die meisten Genusstrinker von den Bars entlang der Bögen in die Imbissbuden, um dem Kater am nächsten Tag einigermaßen zu entgehen. 

Cut.

Ein Jahr und eine Pandemie später sieht die Welt völlig anders aus: Die von der Bundesregierung verordnete Sperrstunde um 1 Uhr früh wurde von den westlichen Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg aufgrund der hohen Ansteckungszahlen auf 22 Uhr vorverlegt. Nun gelte es, alles daran zu setzen, die Zahlen zu senken und die Lage unter Kontrolle zu bringen, heißt es vonseiten der Politik. 

 

Was das für Nachtgastronomie-Betriebe bedeutet, lässt sich schon am ersten Wochenende der 22-Uhr-Verordnung erahnen: maximal halbgefüllte Bars, wenige Menschen an den sonst gut gefüllten Hotspots und komplett geschlossene Tanzclubs. 

Ruhe im Bau. 

Seit Beginn der Pandemie verwaist beispielsweise die Tanzfläche des Dachsbaus komplett. Und das wird wohl auch noch eine ganze Weile so bleiben. Die Ausnahme sind die Streams von Dachsbau TV, mit denen das Team um Betreiber Frederik Lordick dem eigenen Kulturauftrag nachkommt und sich beschäftigt hält. Aber sogar das ist nicht ohne weiteres möglich: Weil anfangs nicht klar war, ob die Zehn-Personen-Regelung auch das Personal inkludiert, wurde ein geplanter Stream vorsichtshalber abgesagt – nur um dann zu erfahren, dass das Personal nicht dazugerechnet wird. 

 

„Das Hauptproblem ist die Verwirrung und dass ständig neue Verordnungen kommen. Man weiß nie genau, betrifft es einen jetzt oder nicht“, erzählt Lordick. „Und solange nicht geholfen wird, ist das alles ein Schlag in die Magengrube.“ 

„Das Hauptproblem ist die Verwirrung und dass ständig neue Verordnungen 
kommen.

 Frederik Lordick, Betreiber des Dachsbaus

Die Emma schläft – und kämpft. 

Für Fans der Tante Emma gab es Anfang September die frohe Botschaft, dass es wieder losgeht – Mittwoch und Freitag, von 16.20 bis
1 Uhr. Dann kamen die verschärften Regeln. „Wir haben es probiert mit besonderen Öffnungszeiten, viel weniger Gästen, freiwilligem Contact-Tracing, und das hat funktioniert – damit hätte man wirklich arbeiten können“, erzählt Betreiber Martin Ridler. „Aber so geht es nicht.“

 

Die Einschränkungen wären nachvollziehbarer, wenn auch Lösungen geboten werden würden. „Da steckt irre viel Arbeit dahinter. Die wenigsten schaffen es, von dem zu leben, für das sie brennen, und es tut wirklich weh, wie stiefmütterlich das behandelt wird.“

Winter auf der Wiese?

Aber nicht nur Tanzclubs treffen die neuen Verordnungen: Im SixtyTwenty ist man zwar dank der SoWi-Wiese relativ gut durch das Jahr gekommen, die Sperrstundenvorverlegung auf 22 Uhr sei aber hart, sagt Robert Wolf. „Aus Sicht der Politik ist es natürlich logisch, das jetzt in der Zwischensaison zu machen und dann im besten Fall eine weiße Weste für den Winter zu haben. In unserem Fall ist es halt das genaue Gegenteil – mit dem Semesterstart würde die starke Phase anfangen.“ Da man bisher alle Maßnahmen problemlos umsetzen konnte, geht er aber davon aus, dass es auch jetzt irgendwie funktionieren werde. 

„Wir haben es probiert mit besonderen Öffnungszeiten, viel weniger Gästen, freiwilligem Contact-Tracing, und das hat funktioniert. Aber so geht es nicht.“

 Martin Ridler, Betreiber der Tante Emma

 

Die Open-Air-Saison werde jedenfalls auch bei niedrigen Temperaturen nicht beendet: Die Liegestühle werden einfach mit Decken, Wärmflaschen und Sitzheizungen ausgestattet. 

 

Aber nicht jedes Lokal hat die Möglichkeit, einfach so eine Open-Air-Saison einzuleiten: In den Viaduktbögen sind Sitzmöglichkeiten im Außenbereich nur spärlich vorhanden. Hannes, den 6020 am ersten Wochenende der 22-Uhr-Verordnung im Weli getroffen hat, bedauert nicht nur für sich selbst die neue Regelung, sondern äußert auch Mitleid mit den Gastronomen, die gerade an der
Bögenmeile ohnehin harte Monate hinter sich haben. „Die frühe Sperrstunde ist ein Schlag ins Gesicht für die Gastronomen und eine Watschen für die Gäste“, so sein Befund. 

Lokalaugenschein. 

In den Innsbrucker Bars jedenfalls herrschen am Abend gemischte Gefühle: Edward, ebenfalls im Weli, vermutet, dass sich dieselben Leute, die bisher in die Nacht hinein gefeiert haben, jetzt einfach früher treffen werden. Er selbst wird ab 22 Uhr eher nicht Schluss machen, sondern privat weiterfeiern oder „einfach in einem Park chillen“, wie er sagt: „Mich hindert keine Uhrzeit daran, Spaß zu haben.“

 

Seine Freundin Corin hingegen möchte auf Privatpartys im großen Stil verzichten und zur Sperrstunde nach Hause gehen. Genauso wird es auch Lisa handhaben: Bis 22 Uhr wird sie es sich in einem Lokal – am besagten Wochenende war es für sie das Dinzler – gemütlich machen, dann aber nach Hause gehen: „Privatpartys sind ja eigentlich das, was man verhindern will, dort gibt es dann ja wirklich gar keine Kontrolle mehr“, befindet sie.

 

Julia und Giacomo sehen die 22-Uhr-Sperrstunde ebenfalls nicht als ganz dramatischen Einschnitt an: Das Pärchen aus Natters muss sich dadurch lediglich eine Stunde früher aus ihrem Stammlokal Dinzler verabschieden als bisher. Auch unter Normalzuständen müssten sie nämlich den letzten Bus nach Natters um etwa 23 Uhr erwischen.

„Die frühe Sperrstunde ist ein Schlag ins Gesicht für die Gastronomen und
eine Watschen für die Gäste.“

Hannes

„Privatpartys sind ja eigentlich das, was man verhindern will, dort gibt es dann ja wirklich gar keine Kontrolle mehr“

Julia und Giacomo

„Mich hindert keine Uhrzeit daran, Spaß zu haben.“

 Edward

Irgendwo ist es immer vor 22 Uhr. 

Wer aber länger feiern möchte, muss kreativ werden. Das weiß zum Beispiel Domenic, den 6020 während einer Rauchpause vor dem „Sowi-Irish“ angesprochen hat. „Wir halten uns natürlich an die Ausgehregelungen, aber feiern dann halt unter Kollegen, privat, zuhause weiter“, erklärt er, wie er und seine Freunde mit der Verschärfung umgehen werden.

 

Auch Jonathan, Kia und Paul sind offensichtlich darauf vorbereitet, künftig im privaten Rahmen bis in die Nacht hinein Party zu machen: Kurz vor 22 Uhr streiften sie durch die Maria-Theresien-Straße – ausgestattet mit einem Rucksack voller Sprit und auf dem Weg zu einer Home-Fete. 

 

Was das Zuhause-Feiern betrifft, haben die drei auch bereits Erfahrung. Während des großen Lockdowns zu Beginn der Krise hätten sie nämlich schon damit begonnen und seither gehöre es ohnehin fix zu ihrem Aus-geh-Leben dazu, erzählen sie. Nichtsdestotrotz hoffen die drei darauf, dass man bald auch in den Lokalen wieder länger sitzenbleiben darf.

Ausgegangen

Normalerweise ist die Kult-Spielstätte Weli in den Bögen ordentlich gefüllt, am ersten Wochenende der neuen Verordnungen aber nur spärlich. 

Ausgegangen

Pünktlich um 22 Uhr heißt es im Moustache dann: „Sperrstund’ is“, übrig bleibt gähnende Leere.

Ausgegangen

Mit einem gut gefüllten Rucksack kann einem die frühe Sperrstunde nichts anhaben, meinen Jonathan, Kia und Paul. 

Von DJs und Raves. 

Die Verordnungen und Beschränkungen treffen nicht nur Nachtgastronomen und Konsumenten, sondern auch eine Reihe weiterer Personen. Das weiß ein Innsbrucker DJ zu berichten, der seinen richtigen Namen nicht im 6020 lesen möchte und hier fortan Timo genannt wird. Ihm und vielen seiner Kollegen sind durch die Corona-Krise viele Auftritte abhandengekommen. Geblieben ist dabei lediglich das Gefühl, dass sich über eine ganze Reihe an Menschen niemand Gedanken macht: „Musiker, Techniker, Ausstatter und Leute, die einfach gerne Party machen, wurden allesamt im Stich gelassen“, sagt Timo. 

 

Als der Lockdown verhängt wurde, herrschte unter ihnen erst einmal Angst vor der Pandemie und den Folgen. Alle hielten die Füße still und beugten sich dem Schicksal. „Mit den Lockerungen wurden dann aber die Rufe nach Partys lauter“, berichtet Timo von Stimmen aus seinem Umfeld. Raves im Freien waren in Innsbruck schon vor Corona keine Seltenheit. Verschiedene Kollektive organisierten Partys in stadtnahen Wäldern, die zu Fuß erreichbar waren. Nur Eingeladene wussten, wo sie sich wann einzufinden haben, um dabei zu sein. 

Lockdown und LOCKERUNGEn.

„Als die Lockerungen in Kraft traten, aber von größeren Veranstaltungen noch nicht die Rede sein durfte, wurden diese Raves immer öfter organisiert“, erzählt Timo. Einer der größten war die Party in der Sillschlucht im Juli, zu der laut Medienberichten insgesamt 1.000 Menschen kamen. „Auf einmal waren da Leute, die man sonst nie bei Outdoor-Raves gesehen hat“, berichtet Timo. „Mädels in High-Heels, Jungs, die vom Outfit her eher ins Felix gepasst hätten, waren auf einmal in der Sillschlucht.“ 

 

Auch für Michael, der seinen richtigen Namen ebenfalls nicht im 6020 lesen möchte, war die Sillschlucht-Party der erste Out-door-Rave, auf dem er jemals war. Michael ist Student, wohnt in Innsbruck und ist vor der Corona-Krise phasenweise intensiv ausgegangen und mit seinen Freunden in verschiedenen Clubs in den Bögen gelandet. Als die Krise das unmöglich machte, war sein soziales Leben gestört: „Freunde traf ich immer noch beim Spazieren, aber zu einigen Bekanntschaften verlor ich den Kontakt gänzlich. Ich spürte, dass ich sozial eingeschränkt war“, begründet er seine Entscheidung, auf einen Rave zu gehen. Über die gesundheitlichen Konsequenzen machte er sich keine Gedanken – was er heute nicht mehr ganz nachvollziehen kann. 

„Musiker, Techniker, Ausstatter und Leute, die einfach gerne Party machen, wurden allesamt im Stich gelassen.“ 

Timo, DJ

„Ich spürte durchaus, dass mein soziales Leben eingeschränkt war.“ 

Michael

Hust, hust. 

Timo, der öfter bei Raves dabei ist, ist in gesundheitlichen Fragen wesentlich realistischer: „Wer behauptet, zu so einer Party zu gehen und sich an Hygienemaßnahmen oder Social-Distancing-Vorgaben zu halten, lügt.“ Eine Infektion nehme man einfach in Kauf. In seinem Brotberuf als Kundenbetreuer sei er aber ebenso gezwungen, engen Kontakt zu Menschen zu haben. Dort werde das gesellschaftlich nicht als Problem gesehen – bei der Partyszene aber schon. 

 

Die Partys im Freien werden sich seine Freunde und er, Corona hin oder her, nicht verbieten lassen. Das sei schließlich ihr Hobby, und die Stadtpolitik habe auch unabhängig von der Corona-Krise gezeigt, dass sie nicht bemüht ist, der Partyszene einen legalen Spot dafür zur Verfügung zu stellen oder zu erhalten. Stichwort: Hafen.

Stadtpolitik, zur Hilfe. 

Die Diskussion rund um den von Timo angesprochenen Hafen und eine Alternative dafür rückt angesichts der Corona-Krise für die Stadtpolitik in den Hintergrund. Vielmehr beschäftigt sie die Sperrstunde um 22 Uhr, auch wenn es hier wenig Handlungsspielraum gibt. Die Vorgaben von Bund und Land müssen eingehalten werden, da sind sich alle einig. 

 

„Bei der Umsetzung der Corona-Maßnahmen oder der erleichterten Einrichtung von Gastgärten unterstützen wir die Gastronomie“, versichert Bürgermeister Georg Willi. Etwas konkreter gibt sich Theresa Ringler von Für Innsbruck, die sich eine digitale Plattform für Contact-Tracing in Innsbrucker Nachtlokalen vorstellen kann. FPÖ-Klubobmann und Gemeinderat Markus Lassenberger könnte sich Zugangsbeschränkungen vorstellen – abhängig von der Größe des Lokals. 

Viel mehr sei nicht zu machen, lediglich „an den weichen Stellen“ könne gedreht werden, meint beispielsweise Gemeinderat Dejan Luković von den Grünen. Den Club- und Barbetreibern könne man aber helfen, bürokratische Aufwände zu verringern und Hygienekonzepte umzusetzen. Finanziell könne die Stadt nur wenig Hilfe leisten, daher spricht sich Vizebürgermeister Anzengruber von der Volkspartei dafür aus, dass „die Fixkostenzuschüsse des Bundes verlängert und weiter ausgebaut werden“. Dieselbe Strategie befürwortet auch die SPÖ, die auf finanzielle Unterstützung der Branche durch Bund und Land setzt, „um einen wirklichen Neustart nach Corona zu ermöglichen“, so Gemeinderat Benjamin Plach. 

„Bei der Umsetzung der Corona-Maßnahmen oder der erleichterten Einrichtung
von Gastgärten unterstützen wir die Gastronomie.“  

Georg Willi, Bürgermeister

Galerie: Die frühe Sperrstunde is getting real – auch wer um 22 Uhr noch etwas im Glas hat, muss gehen.

 

Tanzen forever. 

Laut Aussagen einiger Gastronomen wartet man auf diese Unterstützung schon lange. Noch denkt Frederik Lordick vom Dachsbau aber nicht ans Ende. „Wir haben schon mehrere Darlehen beantragt, hoffen aber, dass der Fixkostenzuschuss doch irgendwann noch kommt. Ich habe Hoffnung, dass wir es überstehen, aber es ist schon eine echt lange Zeit. Ich kenne andere, die es wirklich lassen müssen.“ 

 

Emma-Chef Martin Ridler weiß nicht, wie lange es noch so weitergehen kann, bevor der Club endgültig zusperren muss. „Wir haben immer noch keinen Fixkostenzuschuss erhalten, obwohl wir alles zum erstmöglichen Zeitpunkt eingereicht haben, aber wir sind irre idealistisch und kämpfen sicher, bis es absolut nicht mehr geht“, sagt Ridler. Dabei geht es um mehr als nur den Club und die Nachtgastronomie: „Ich kämpfe für die Clubkultur, die auch mein Kind und meine Enkelkinder erleben sollen – das ist eine Kultur, die man unbedingt aufrechterhalten muss.“ 

 

Es brauche endlich eine schnelle, unbürokratische finanzielle Hilfe, langfristig gesehen wohl auch einen Schnelltest, mit dem man live an der Tür testen kann, sonst werde es sehr schwer werden. Hoffnung hat Ridler trotzdem: „Der Mensch wird immer tanzen. Auch auf der Titanic wurde getanzt, bis sie untergegangen ist. Irgendwie wird es weitergehen.“

Contact Tracing à la Treibhaus

In Wien und Niederösterreich sind Gastronomen verpflichtet, die Kontaktdaten der Gäste zu erfassen, um diese im Falle einer Corona-Erkrankung informieren und Cluster unterbinden zu können. Das wird meist mit Formularen durchgeführt, die nach 28 Tagen vernichtet werden. 

In Tirol gibt es noch keine Verpflichtung, das Treibhaus setzt aber seit August freiwillig Contact Tracing ein – ganz ohne Zettelwirtschaft: „Ich habe ein altes Handy da, jeder, der kommt, ruft an, und damit ist man automatisch registriert – ohne Name und Adresse, aber bei einem Coronafall können wir anrufen“, erklärt Norbert Pleifer.

 

„Jeder, der kommt, ruft an,
und damit ist man
automatisch registriert.“

Norbert Pleifer, Treibhaus

 

„Es ist total simpel, kostet nichts, ist absolut sicher, und keiner muss sich Sorgen über Datenschutz machen.“ Er hat sich das System einfallen lassen, weil die Zettel-Lösung wenig Sinn mache: Man kann nicht überprüfen, ob die Angaben stimmen, und wenn eine Handschrift nicht lesbar ist, bringen auch richtige Angaben nichts.  

„Ich habe unser Konzept auch an die WK geschickt, weil ich mir gedacht habe, das wäre vielleicht auch für andere interessant, habe aber bis heute keine Antwort bekommen“, erzählt Pleifer. „Es rufen aber gerade irrsinnig viele Kollegen an, die sich dafür interessieren.“