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JÄNNER 2016

Musik aus Tirol

Heimatbesuch

Sie sind so gut, dass wir ihnen für 2016 einen Bombenerfolg wünschen. Drei Tiroler Musiker, die nach London und Berlin gegangen sind, dort arbeiten und international unterwegs sind. 6020 hat sie rund um Weihnachten bei ihren Heimatbesuchen getroffen.

Fotos: Franz Oss (2), Adrian Meth

We are Gods – Bensh

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Übers Heimkommen.

„Ich sehe Innsbruck als den Ort, wo ich aufgewachsen bin, aber nicht als meine aktuelle Heimat. Ich erlebe sie als Besucher. Für meine Arbeit brauchte ich damals mehr Dynamik und den Anschluss  an die große weite Welt, also musste ich vor fast 15 Jahren raus. Trotzdem ist es ein cooles Stadtl – wäre die kulturelle Ebene noch um ein Quäntchen verfeinert, könnte Innsbruck exzellent sein.“

Über ihn.

„Lovechild of Beck and Syd Barrett“ schrieb vor fast acht Jahren die japanische Musikpresse. Ja, damals fiel Bensh auch schon auf. FM4 Artist of the Week im Feber 2015

www.gods.fm

W

arum heißt die Band von Benshi aka Bensh „Gods“? Der Musiker scheint diese Frage zu mögen, er könnte 100 Gründe dafür aufzählen. „Spiritualität ist etwas Menschliches, Religion ist immer ein System. Fuck that“, sagt der Wahlberliner. „Ich finde es besser, das selbst in die Hand zu nehmen, sich etwas zuzutrauen und bei sich selbst zu beginnen. Ich versuche das jeden Tag zu leben, wo immer ich gerade bin.“ Diese Philosophie spiegelt sich auch in seinem Schaffen wider, denn Bensh macht – gelinde gesagt – viel. Ein Kristallisationspunkt des facettenreichen Schaffens von Bensh war zunächst sein gleichnamiges Musikprojekt, jetzt ist es die Band Gods. Hier sind auch sein Bruder Severin Zombori, der Innsbrucker Elias Candolini und Sion Trefor aus Wales dabei. Die vier Herren bilden trotz unterschiedlicher Wohnorte ein Künstlerkollektiv, machen raffinierteste EDM und intensivsten Synthiepop – es bräuchte eigentlich eine neue, betörendere Genrebezeichnung. 2016 kommt ein weiteres Album, die Live-Shows bekommen auch ein komplett neues Gesicht.

Musik fließt in Videokunst.

Von den unterschiedlichen Arbeitsbereichen der Mitglieder von Gods – Sion komponiert Filmmusik, Elias ist Regisseur in Köln – profitiert auch die kreative Energie der Band. So hat die Videokomponente eine große Bedeutung, das Kollektiv produziert diese selber. Einige Videos entstanden auch in Kooperation mit internationalen Künstlerinnen wie der Kanadierin Sabrina Ratté. „Ich war hocherfreut über die Arbeit mit Sabrina für den Song ‚We‘: Dreh in Berlin, Visuals aus Kanada, den Final Edit machte wiederum ich in Berlin“, erzählt der 34-Jährige. Für das Video zu „Pompeii“ arbeitete die Band mit der mexikanischen Künstlerin Beatrice Morales zusammen. Diese begleitete Bensh übrigens auch, unabhängig von der Band, durch ein ausstellungsreiches Jahr in Basel, Berlin und Mexico City, 2016 wollen sie noch intensiver kooperieren. Bensh fasst gerade in der Kunstszene immer mehr Fuß.

Spot the Tyrolean – Vinzenz Stergin

Übers Heimkommen.

„Ich fahre gern heim. Berge, Natur und Familie sind mir sehr wichtig, manchmal braucht’s einfach eine Pause von der Schnelllebigkeit. Auch um die Perspektive auf das Leben außerhalb Londons zu richten. Ich bin aber sehr glücklich über alles, was ich dort machen kann. London bietet viel Platz für Experimente, bringt einem auch Demut bei, die dich aber auch pusht, damit etwas weitergeht.“

Über ihn.

„Unbelievable. Stergin has set my NY Times column to music. In one day. It’s good, too!“ David Pogue, New York Times

Zur Durchbruch-Single „I’m gonna take it all“: „Stergin hat in den letzten Jahren schon die verschiedensten Sounds kreiert. Mit seiner neuen Single scheint er angekommen zu sein“ Robert Rotifer, FM4 Heartbeat

www.stergin.com

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inter dem Duo Stergin & Betts verbirgt sich in einer Hälfte der Name (Vinzenz) Gstrein, es ist der Gitarrist und Sänger der Truppe. Zusammen mit dem präzise und wuchtig arbeitenden Drummer Adam erzeugt das Duo spannende Crossover-Lieder zwischen klassischem Rock’n’Roll, Indie, Funk-Blues und Synthie-Pop. Besonders spannend: Vinzenz‘ Klarinette. Wie sich diese Klänge zwischen Samples und Verzerrungen einfügen lassen, ist schlicht und ergreifend wunderbar. Zudem ist der gebürtige Imster ein sympathischer und enthusiastischer Performer, der sogar Kriegsbemalung – einen roten Strich auf der Wange – einsetzt, um den Bühnenmodus zu signalisieren. „Dann ist mein Bühnen-Ich für die Performance zuständig. Und wenn er’s vergeigt, war’s der böse Zwilling“, lacht der 31-Jährige.

Klarinette im Musikerhaus.

Vinz lernte Klarinette am Innsbrucker BORG, machte 2006 seinen Auslandzivildienst in Amsterdam und Los Angeles, und studierte später Komposition am Londoner Trinity College of Music. Dort hat er einen inspirierenden Freundeskreis aufgebaut: „London ist ein cooler Ort, um Musik zu machen“, erzählt er. Er lebt in einem Musikerhaus und bewegt sich im Umfeld von Bands wie Ghostpoet, Three Trapped Tigers oder Anna Calvi. Hier lernte er auch Adam Betts kennen – die kreative Chemie zwischen den beiden stimmt: „Unser Projekt ist gerade sehr aufregend.“ Anfang 2016 werden sie auch ein gemeinsames Album aufnehmen. Nebenbei macht Vinz auch in einem weiteren Duo namens LAXMI „dark electronic popmusic“.

On air und online.

Stergins Songs laufen auf dem englischen Radiosender BBC 6, dem englischen Pendant zu FM4. Weiters hegt und pflegt Vinz auch die „Bathroom Sessions“ auf seinem YouTube-Kanal. Hierfür stellte er jeden Montag seine Cover-Version der aktuellen Nummer 14 der US Billboard Charts online – „selbst, wenn es Justin Bieber war“. Es folgte eine zweite Staffel, in der wöchentlich ein Zeitungsartikel vertont wurde – mit dem neuen Jahr kommt die dritte Staffel, in der er sich die UK Billboard-Charts vorknöpfen wird.

Dick im Geschäft – Manu Delago

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Übers Heimkommen.

„Ich wohne seit nunmehr neun Jahren in London, aber zu Weihnachten besuche ich die Familie, die Freunde und die Berge. Ich habe in Kematen, Mieming und Innsbruck gewohnt und studiert, und eines Tages komme ich sicher wieder zurück.“

Über ihn.

„Manu Delago is an amazing percussionist and hang player“.
Björks Adelssprechung

www.manudelago.com

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015 hat Manu Delago an die 100 Konzerte gespielt, etwas mehr als die Hälfte davon mit eigener Band, den Rest mit Björk und Cinematic Orchestra. Mit dem isländischen Star ist Delago schon seit fünf Jahren unterwegs. „Ich war schon als Teenager ein großer Fan von ihr, und als sie mich damals kontaktierte, war es natürlich genial“, erzählt der Musiker. Für 2016 sind im Jänner zehn Konzerte mit dem eigenen Bandprojekt „Handmade“ geplant, auch ein Encore im Treibhaus am 31. Jänner. Dann gibt es eine Pause für ein neues Album bis April, und später wieder Auftritte mit der Sitar-Künstlerin Anoushka Shankar.

Spannender Weg.

Delago spielte schon mit 15 Jahren Konzerte mit Hotchpotch, Michi Tschuggnall und Bluatschink. Zu dieser Genrevielfalt meint er heute: „Das waren viele verschiedene Sachen, die sehr spannend waren.“ Da sie sich aber auf Österreich und Tirol beschränkte, wollte Delago bald neue Erfahrungen sammeln. Er zog nach London, wo er Jazz-Schlagzeug an der Guildhall studierte. „Da hat alles gut funktioniert“, zieht Manu Delago heute Bilanz. Auf sein Markenzeichen-Instrument Hang brachte ihn vor zwölf Jahren übrigens sein Vater Hermann. Heute setzt er sein Talent noch vielseitiger ein. Da er viel unterwegs ist, begegnet er vielen interessanten Musikern und Sängern. „Leider kann ich nicht mit jedem touren, da klappt eine Kollaboration im Studio einfach besser.“ Und ob er nun mit Joss Stone einen Song aufnimmt, mit einem Chor oder mit einem ganzen Orchester auftritt – Delago liebt die Abwechslung. „Schließlich ist meine Musik eine Mischung aus dem Ganzen“, sagt er. Was die eigenen Hörgewohnheiten betrifft, sei es wichtig, am Puls zu bleiben. „Ich mag gerne neue Sachen, die mich überraschen. Und die gibt’s immer wieder, speziell in der elektronischen Musik“, verrät der 31-Jährige.

Gustostückerl im Netz.

Lichtdesign ist Manu Delago wichtig, vor allem in der aktuellen Show zum Album „Silver Cobalt“. Allerdings soll dieses die Musik nur unterstützen, da ihr natürlich der Platz im Vordergrund gebührt. Eine entzückende Ausnahme bildet das Video „Pencilphonie No. 1“, eine Aufnahme einer Bleistiftzeichnung. Das Zeichengeräusch ist Teil des Songs, das Gezeichnete ebenso. Durch Loops der Ton- und Videoaufnahme entsteht ein Sound-Zeichenkanon.