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SEPTEMBER 2020

Die Diva in ihm

Als Dragqueen ist Patrik Rosenberger in Innsbruck allein auf weiter Flur. Das hält ihn aber nicht davon ab, sein schillerndes Hobby seit zehn Jahren mit großer Leidenschaft auszuüben und sogar Preise einzuheimsen.

Fotos: Axel Springer, Andy Joe, Privat

„Drag ist ein Teil meiner Persönlichkeit, ich lebe dadurch meine Kreativität aus.“

Sammelleidenschaft: Patrik besitzt nicht weniger als 100 Kopfbedeckungen.
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rüher haben mir die Leute nachgerufen: ‚Schau, eine Transe‘, heute rufen sie: ‚Schau, eine Dragqueen!‘ – das ist schon ein großer Fortschritt!“, erklärt Patrik Rosenberger. Als Dragqueen fühlt sich Patrik nicht im falschen Körper. Er möchte keine Frau sein, sondern lediglich als Frau auf der Bühne stehen. Sobald sich Patrik nach stundenlanger Vorbereitung und Arbeit in Vanessa Community verwandelt hat, ist Showtime angesagt. „Dass genauer unterschieden wird, ist sicher auch ein Verdienst von Conchita Wurst, von Heidi Klums Show Queen of Drags oder auch von Tamara Mascaras Teilnahme bei Dancing Stars“, glaubt Patrik. Dass ihm überhaupt Leute auf der Straße etwas nachrufen und ihn von oben bis unten genau mustern, stört ihn nicht. „Wir Dragqueens leben ja davon, dass man uns ansieht“, sagt der 29-Jährige und schmunzelt. 

Nicht zu stoppen.

Vor zehn Jahren hat 6020 Patrik schon einmal zum Interview getroffen und ihn und sein ungewöhnliches Hobby in einen Artikel verpackt. Die ersten Sätze damals im Porträt: „Patrik Rosenberger ist Innsbrucks Drag Queen. Die einzige. Das möchte er gern ändern – und ruft zu mehr Mut auf.“ Hat sich das in den vergangenen zehn Jahren geändert? Nicht wirklich, Patrik ist weiterhin allein auf weiter Flur. Zwei Dragqueens gibt es nach Patriks Wissen in Innsbruck bzw. in Tirol, ihn und Sindy Sinful. 

 

In Graz oder in Wien ist schon deutlich mehr los, und deswegen gehört Patrik seit einiger Zeit der Dragqueen-Familie House of King an. „Wir haben ein gemeinsames Programm und so habe ich sicher einmal im Monat einen Auftritt und das in ganz Österreich“, freut sich Patrik. Patriks Dragqueen-Künste haben sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt, er singt, tanzt, macht Späße auf der Bühne und ist bekannt für seine aufwändigen Kostüme. 

 

Vergangenes Jahr dann die Krönung: Zunächst hat er beim Grazer Tuntenball eine Europareise gewonnen und darauffolgend den Style Contest beim Life Ball in Wien. Über seinen Hauptpreis, einen Suzuki Swift, hat sich Patrik sehr gefreut. Drei Monate lang hat er sein Outfit konzipiert und genäht. Als Weird sisters hat der Innsbrucker dann für großes Aufsehen gesorgt und war auf unzähligen Pressefotos zu bewundern. 

Hingucker: Vanessa fällt gerne auf.

Teil der Persönlichkeit.

Das Nähen hat ihm seine Inzinger Oma beigebracht. Inzwischen ist sie stolz auf ihren Enkel und sammelt sämtliche Presseartikel. Seine Eltern können mit dem Hobby hingegen eher weniger anfangen. „Drag ist ein Teil meiner Persönlichkeit, ich lebe dadurch meine Kreativität aus“, bringt Patrik seine Leidenschaft auf den Punkt. Reich wird er mit seinen Auftritten nicht, im Gegenteil. Eine Dragqueen zu sein, ist ein teures Hobby. In Patriks Wohnung befinden sich mehr als 100 Perücken, einige davon sogar selbst gemacht, und geschätzte 400 Kostüme. Als Dragqueen ist er Hairdresser, Visagist, Stylist, Schneider und Entertainer in einer Person – das ist eine Riesenherausforderung, die ihm aber großen Spaß macht. „Wenn ich zwei Wochen nicht als Dragqueen unterwegs bin, werde ich schon kribbelig“, sagt Patrik und lacht.

Bunte Pläne.

Bedauerlich findet er es, dass es in Innsbruck kaum mehr Auftrittsmöglichkeiten für ihn gibt. Früher ist Patrik regelmäßig im Weekender bei der Land of Oz-Party oder bei der „Queer Attack“ aufgetreten. Beide Möglichkeiten gibt es nicht mehr. Während der Corona-Zeit hat er sich ein neues Programm als Hexe mit Tarotkartenlegen überlegt. „I put a spell on you“ wird in Zukunft einmal pro Monat im Bacchus über die Bühne gehen. Ansonsten wäre sein Traum eine Art Late Night Show im Treibhaus. „Ich bin gern lustig, spontan und schlagfertig und hätte in diesem Programm verschiedene Interviewpartner und Gastkünstler auf der Bühne“, verrät Patrik seinen Traum. 

 

Ein anderer Wunschtraum wäre es, in Heidi Klums Reality-Wettbewerb Queen of Drags dabei zu sein. Patrik hat sich vor wenigen Wochen online beworben, die Zusage erhielt aber seine Wiener Freundin Chichi. „In der Show darf’s vermutlich nur eine Öster­reicherin geben, ich gönne es ihr von Herzen“, erklärt Patrik. 

Die Diva in ihm

Aufwändig: Patrik stellt die meisten Kostüme selbst her.

Die Diva in ihm

Auswärts: Besonders gern tritt Vanessa in Wien auf. 

Hinter den Kulissen.

Patrik hat seit jeher ein Leben, das mit Glitzerkostümen, auf­wändigem Make-up und schwindelerregenden High Heels nichts zu tun hat. Nach einer Kochlehre im Hotel Europa hat er seinen Zivildienst bei den Johannitern absolviert. Das hat ihm so gut gefallen, dass er bis heute geblieben ist. Patrik ist dort seit einigen Jahren Vollzeit als Buchhalter beschäftigt und bei jeder Weihnachtsfeier der große Star: Seine Kollegen wünschen sich nämlich immer, dass er als Dragqueen auftaucht, und sind jedes Mal völlig baff. „Die jungen Zivildiener wissen dann oft gar nicht, wohin sie zuerst schauen sollen.“

 

Seit zehn Jahren hat Patrik einen festen Freund: Emidio. Er unterstützt ihn voll und ganz, ist bei vielen Auftritten mit dabei und sehr stolz. Patrik denkt gern an ein besonderes Geschenk von ihm zurück: einen 300 Euro teuren BH, der ihm für Drag-Auftritte ein tolles Dekolleté zaubert. „Der BH hat Silikoneinlagen und wurde von Dragqueen-Legende Olivia Jones konzipiert“, erzählt Patrik. Emidio kann außerdem sehr gut tanzen und bringt ihm immer wieder neue Schritte und Choreografien für seine Auftritte bei. Obwohl es in Innsbruck so wenig Auftrittsmöglichkeiten gibt, kann sich Patrik nicht vorstellen, aus seiner Heimat wegzuziehen. „Ich lebe sehr gern in Tirol, bin hier verwurzelt und finde die Ruhe schön“, schwärmt er.

„Wenn ich zwei Wochen nicht als Dragqueen unterwegs bin, werde ich schon kribbelig.“