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MÄRZ 2020

„Ich verlasse die Politik versöhnt“

Als wir Franz X. Guber Ende Feber zum Interview treffen, ist sein Büro bereits halb leergeräumt. Nach 20 Jahren in der Politik spricht er mit 6020 noch einmal über die Kommunalpolitik, was er vermissen wird – und was nicht – und warum er gerne Nachtbürgermeister wäre.

Fotos: Franz Oss
6020:

Nachdem Ihr Abgang bzw. der Zeitpunkt Ihres Abgangs nicht ganz freiwillig war – mit welchem Gefühl verlassen Sie die Stadtpolitik? Franz Gruber: Mit einem absoluten Gefühl der Dankbarkeit. Ich habe es immer als Privileg empfunden, für die Stadt zu arbeiten, und durfte viele schöne Aufgaben erfüllen. Dafür muss ich mich vor allem bei allen Menschen, die mich im Rathaus begleitet haben und bei allen Bürgerinnen und Bürgern bedanken. Was die Wahl meiner Nachfolge anbelangt – diese öffentliche, auch schmerzhafte Diskussion hätte man sicher klüger lösen können. Wer jemandem nachfolgt, muss in einer Partei breit und ehrlich diskutiert werden, nicht über öffentlichen Streit. Letztendlich haben ohnehin die Bürgerinnen und Bürger alles in der Hand.

Und mit welchem Gefühl hinterlassen Sie die Innsbrucker Volkspartei? Ich habe die Partei zwölf Jahre lang geführt, die Volkspartei war immer meine politische Heimat, und das wird sie auch bleiben – ich bleibe einfaches und überzeugtes Mitglied. Die Politik und eine Parteizugehörigkeit kann man ja auch nicht einfach wie einen Handschuh abstreifen.

Meine Nachfolger, Christoph Appler als Parteiobmann und Hannes Anzengruber als Vize-Bürgermeister, sind nun vor die Aufgabe gestellt, die Bruchlinien, die es in der VP gibt, zu kitten. Ich bin optimistisch, dass ihnen das gelingt. Ich persönlich verlasse die Politik absolut versöhnt.  

Glauben Sie also, salopp formuliert, dass sich die Innsbrucker VP wieder fangen wird? Die Volkspartei hatte es im städtischen Milieu noch nie leicht. Vor der nächsten Wahl, hier sind ja noch vier Jahre Zeit, wäre es aber sicher gut, wenn sich das bürgerliche Lager aussprechen würde. Die Absplitterung von Für Innsbruck war ja 1994 – viele Wählerinnen und Wähler von heute verstehen diese Zerstückelung der Bürgerlichen gar nicht mehr. Ich
sage aber auch ganz trocken: Das nächste
Stadtoberhaupt muss wieder von der Volkspartei kommen.

Sie Sind also für einen Zusammenschluss mit FI? Ich bin nicht für einen Zusammenschluss, ich glaube nur, dass sich die beiden Lager vor der nächsten Wahl aussprechen sollten und müssen. Beide Fraktionen – FI und die VP – sind zwar eigenständige, selbstbewusste Parteien. Man ist sich aber inhaltlich sehr nahe, wir haben im Stadtsenat auch über Jahre sehr gut zusammengearbeitet. Aber diese Frage müssen auch meine Nachfolger klären. Ich verspreche aber, kein Muppet zu werden, der vom Balkon herunter das Geschehen halblustig kommentiert.

Das nächste Stadtoberhaupt muss wieder von der Volkspartei kommen.

14 Jahre im Gemeinderat, zehn Jahre im Stadtsenat mit mehreren Ressorts – welche Aufgabe haben Sie am liebsten erfüllt? Da gab es so viele, aber die größte war bestimmt der Sozialbereich. Von der Kinder- und Jugendwohlfahrt bis hin zur Pflege konnten wir in den letzten Jahren viel bewegen. Die dazugehörigen Aufgaben haben mich auch am intensivsten begleitet. Über das Pflegeheim O-Dorf haben wir schon vor zehn Jahren gesprochen, und noch letzte Woche – also knapp eine Woche vor meinem Abschied von der Stadtpolitik – konnten wir die Pflege-Tagessätze mit dem Land Tirol ausverhandeln und dabei ein sehr gutes Ergebnis erzielen.

 

Gerade der Sozialbereich ist natürlich auch nicht immer ganz konfliktfrei und mit sehr viel Verantwortung verbunden. Aber ich habe Verantwortung nie gescheut, bin jemand, der gerne anpackt, und Konflikte gibt es in jedem Job und auch im Privatleben – das gehört eben dazu.

Andere Bereiche wie die Alm- und Forstwirtschaft oder das Feuerwehrwesen bringen in der Praxis natürlich oft, sagen wir, nettere Aufgabe oder Termine mit sich. Auf der anderen Seite sind sie nicht minder wichtig. In der Forstwirtschaft haben wir bereits vor Jahren damit begonnen, den Wald klimafit zu machen – ein Vorsprung, den wir jetzt gut gebrauchen können. Im Tourismus sind wir Weltspitze, basta und gut so.
    
Was werden Sie am meisten an der Politik vermissen? Das werde ich in den nächsten Wochen herausfinden! Was ich jetzt schon sagen kann: Fehlen wird mir die Themenvielfalt, die man in dem Ausmaß, in dem man sie in der Politik hat, in nur sehr wenigen Berufen hat. Und ich werde auch die parlamentarische Auseinandersetzung mit den Kolleginnen und den Kollegen im Gemeinderat vermissen –
ebenso wie die gute Zusammenarbeit im Rathaus.

Ich habe mir deshalb schon überlegt, dass ich Nachtbürgermeister werden könnte.

„Ich verlasse die Politik versöhnt“

Im Gemeinderat war Franz X. Gruber stets in seinem Element – die Auseinandersetzungen dort werden ihm fehlen, gibt er zu.

„Ich verlasse die Politik versöhnt“

Und was werden Sie am wenigsten vermissen? Da fällt mir gar nichts ein. Ich war mehr als mein halbes Leben Politiker, und das wirklich immer gern. Ich habe die Arbeit auch nie als Belastung empfunden – ich bin, sage ich immer, ein positiver Workaholic. Es hat mir auch nie etwas ausgemacht, lange oder auch am Wochenende zu arbeiten. Wer mich kennt, der weiß, dass ich auch gerne unterwegs und unter Leuten bin. Ich habe mir deshalb schon überlegt, dass ich als bekennender „Bögengeher“ Nachtbürgermeister werden könnte (lacht).

Freuen Sie sich auf den neuen Lebensabschnitt oder überwiegt die Wehmut? Natürlich ist der Abschied emotional, sehr emotional, wie ich gerade merke. Ich war 20 Jahre lang Politiker, 14 Jahre im Gemeinderat, zehn Jahre im Stadtsenat. Wenn man sich nach so langer Zeit von einem Beruf verabschiedet, der noch dazu so viel Platz – auch im persönlichen Leben – einnimmt, geht das nicht spurlos an einem vorüber. Man erlebt in der Politik so viel, trifft so viele Menschen, kann vieles bewirken, bekommt Entwicklungen hautnah mit – das ist schon besonders.


Aber: Ich war immer ein optimistischer Mensch und das will ich auch bleiben. Deshalb freue mich auch auf meinen neuen Lebensabschnitt, neue Aufgaben und neue Menschen.

Ich habe in der Politik gelernt, niemals nie zu sagen.