Wir empfehlen
NOVEMBER 2015

Mein erstes Mal: Sendepause

Hallo. Mein Name ist Rebecca und ich bin ein Serien-Junkie und Fernseh-Gewohnheitstier. Auf Entzug.

Foto: Emanuel Kaser
E

ine Woche lang: kein Fernsehen, keine Serien, keine Filme, keine Mediatheken, keine Katzen-Clips auf YouTube. Nach Jahren exzessiven Konsums, vor allem was Serien und Filme anbelangt, und schon längt ritualisierten TV-Verhaltens: Sendepause!

// 

Zum Thema Ablenkungspotenzial sei an dieser Stelle noch gesagt: Ich bin nicht auf Facebook, ich hasse es, außerhalb des Jobs im Internet zu surfen, und das CD-Deck meiner Stereoanlage verweigert seit circa einem Jahr seine Dienste. Das Kassettendeck würde allerdings funktionieren. Und nein, so alt wie das nun klingt, bin ich noch nicht – meine technischen Geräte aber schon.

Erste Hürde: Fußball.

Jetzt würde die ZiB laufen. Ich lese stattdessen ein Interview mit Bundeskanzler Faymann im „Spiegel“ und stelle fest: In ausländischen Medien liest er sich auch nicht intelligenter als in heimischen. Ich frage mich, wie es Carrie in Berlin geht, ob Walter Blunt noch auf Sendung darf und sich die Welt in Downton Abbey noch um Mary dreht. Dennoch vergeht der erste Abend erstaunlich schnell. Dass meine Mitbewohnerin, die ich in mein Zimmer gelockt habe, bereits zum zweiten Mal auf ihre Uhr schaut, ignoriere ich höflich.

Freitagabend. Bis zum Ausgehen gilt es noch drei Stunden zu überbrücken. Denn Fußballschauen darf ich ja nicht. Zum ersten Mal machen sich Entzugserscheinungen, in Form eines Stichs in der Magengrube, physisch bemerkbar. Dann die erlösende Nachricht: „Wir sitzen im Stammlokal – komm vorbei.“ Eine ausgezeichnete Idee! Dort hängt zwar ein Fernseher an der Wand, aber Fußball wird dort eigentlich nie gezeigt. Als ich die Bar betrete, werde ich abgefangen, fest umklammert und, eine Hand meine Augen verdeckend, zu einem Barhocker eskortiert. Um mich herum aufgeregtes Rufen: „Lass sie nicht auf den Fernseher schauen, egal was passiert, lass sie nicht auf den Fernseher schauen!“

// 

Hinter mir läuft also doch der Fernseher, Österreich gegen Montenegro und es steht 0:1. Die Menschen um mich herum sind eine unglaubliche Hilfe in dieser schwierigen Situation. Anhand der entgleisenden, aber unkommentierten Mimik von meinem direkten Gegenüber kann ich einiges ablesen – den Spielstand aber nicht. Von rechts kommen ein paar wertvolle Informationen: „Da spielt Rot gegen Weiß!“ Kurze Pause. „Wir sind Weiß!“ Als der Ausgleich fällt, erfahre ich das per SMS-Live-Ticker aus einem anderen Lokal. In der 82. Minute steht es noch immer 1:1, zehn Minuten später stellt sich heraus, dass es sich wohl doch erst um die 62. Minute gehandelt hat.

Wen interessiert es schon, die historische EM-Quali­fikation der österreichischen Nationalmannschaft live im Fernsehen zu sehen?

Rebecca Müller

 

Wir haben keine Ahnung, wie die Wahl in Wien ausgegangen ist. Die Sendung wurde vorab aufgezeichnet. Und wahrscheinlich hört uns auch kein Schwein zu, weil jeder gebannt vor den Fernsehgeräten sitzt.“

Wer will das schon sehen?

Die restlichen drei Tage des Experiments vergehen ohne gröbere Zwischenfälle. Der Montag ist nicht einfach – aber eigentlich kenn ich das ja schon und kann ganz cool (mit feuchten Augen und bebenden Lippen) behaupten: Wen interessiert es schon, die historische EM-Qualifikation der österreichischen Nationalmannschaft live im Fernsehen zu sehen? Wer will schon erwachsene Männer hüpfen, tanzen und weinen sehen – vor Tausenden von tobenden Fans, bei einem lächerlichen 3:0-Erfolg im letzten Spiel der Vorrunde?! Ich doch nicht!

// 

Das Experiment ist vorbei – was bleibt? Erstens: Im Grunde wird eine Routine von der anderen abgelöst. Radio zum Frühstück, Zeitunglesen zum Abendessen, ein Buch oder ein Hörbuch für den Abend – medialer Opportunismus sozusagen. Zweitens: Wer weniger Zeit mit Fernsehen verbringt, vergeudet auch weniger Zeit. Schließlich muss nichts bis zur nächsten Werbepause oder bis nach der nächsten Folge verschoben werden. Drittens: Die ganze Aktion war recht unterhaltsam. Für mein Umfeld vielleicht ein klein wenig mehr als für mich.

// 

Am Donnerstag, meinem ersten Tag nach der Sendepause, komme ich nach Hause, setze mich feierlich auf die Couch, nehme andächtig die Fernbedienung in die Hand, schalte ein wenig nervös den Fernseher ein und noch vor der ersten Werbepause stellt sich dieses Gefühl ein: wie zwei alte Freunde, die sich schon lange nicht mehr gesehen haben, aber sofort wieder dort anfangen, wo sie das letzte Mal aufgehört haben. Als wären wir nie getrennt gewesen.