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SEPTEMBER 2019

Architektur auf der Spur

Drei junge Architekturprofis erklären ihre Innsbrucker Lieblingsbauten und gehen mit 6020 auf Besichtigungstour.

Fotos: Axel Springer

Felix Perasso: Der Landhausplatz

 

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rchitektur wird gerne unmittelbar nach Fertigstellung bewertet und beurteilt, nach Form, Materialität, Details und oftmals auch Geschmack. Viel ausschlaggebender sind allerdings die Auswirkungen von Architektur auf die Stadt, und um diese zu beobachten, braucht es Zeit. Neun Jahre nach Abschluss der Neugestaltung des Eduard-Wallnöfer-Platzes, auch Landhausplatz, können bereits vorläufige Entwicklungen zur Identität des Ortes festgehalten werden.

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Die historische Identität des Platzes baut auf Erinnerungen aus einer finsteren Zeit auf. Das in der NS-Zeit erbaute neoklassizistische Gauhaus, das heute als Landhaus fungiert, definiert den Platz Richtung Norden. Der Vorplatz wurde als monumentaler Ort für Aufmärsche, Kundgebungen und politische Feiern konzipiert. Die Mahn- und Denkmäler der Nachkriegszeit verorten ein Stück Geschichte am Platz.

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Auch heute ist der Platz noch Zeitzeuge, die Identität hat sich jedoch gewandelt. Ein urbaner Ort der Begegnung ist entstanden, gekennzeichnet von Bewegung und Aktivität. Eine künstliche Topografie lädt Klein und Groß ein, die Landschaft zu erkunden und auf dieser zu interagieren. Der Platz lebt vom Sehen und Gesehenwerden.

Felix Perasso hat in Rotterdam für OMA (Rem Koolhaas) und in Oslo und Innsbruck für Snøhetta gearbeitet. Seit einem Jahr führt er sein eigenes Architekturbüro.

 

Lebendiger Erinnerungsraum.

Der historisch bedeutende Ort erscheint heute erstaunlich dynamisch, vital und jung. Und trotzdem erzählt er immer noch Geschichten. Die Erinnerungslandschaft baut ein Spannungsverhältnis zwischen Täterbau, Widerstandsdenkmal und Opfermahnmahl auf und setzt sie räumlich in Beziehung. Der monumental-imperiale Charakter des Befreiungsdenkmales wird dabei durch Farbigkeit, Materialität und Höhenentwicklung des Platzes gemildert. Der Platz ist zur Kulisse für einen lebendigen Erinnerungsraum geworden.

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Dem Architekturbüro LAAC ist es gelungen, einen Wandel der Identität des Platzes zu initiieren. Das Projekt zeugt somit von der Bedeutung, dem Einfluss und der Verantwortung von Architektur und Städtebau.

Valerie Messini: WRG Ursulinenschule Innsbruck

 

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as Schulgebäude des Wirtschaftskundlichen Realgymnasiums der Ursulinen ist ein bedeutendes Werk von Josef Lackner. Der Stil des renommierten Tiroler Architekten ist symptomatisch für die Siebzigerjahre und weist in seiner gestalterischen Ausdrucksform Parallelen zu internationalen Zeitgenossen wie Richard Rogers und Renzo Piano (z. B. Centre Pompidou in Paris) auf: Wir befinden uns am Übergang der Moderne zur Postmoderne.

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Charakteristisch ist der Ansatz, konstruktive und technische Elemente sichtbar zu machen und diese ornamental zu verwenden. Das wird schon an der Fassade mit den roten, stockwerkhohen Stahlträgern erkennbar oder im oberen Stockwerk mit nach außen gestülpten Haustechnik an der Decke der Gänge.

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Außerordentlich finde ich, dass Lackner die gesellschaftliche Idee einer neuen Schulkonzeption, geprägt durch Offenheit, Kommunikation und Transparenz, nicht nur programmatisch integriert, sondern durch seinen Entwurf gestalterisch umsetzt. Im Unter- und Erdgeschoß bildet er durch Foyer, den Pausenraum, Mensa, Schwimm- und Sporthalle, die fließend in die Außenanlagen übergehen, einen kommunikativen und aktiven Raum, der während des Schulbetriebs sehr lebendig und verspielt ist. Alles andere als dunkle, enge Gänge und verschlossene Schulräume!

Valerie Messini arbeitet am ./studio3 in Innsbruck, am Peter-Weibel-Forschungsinstitut für digitale Kulturen an der Angewandten in Wien und an Projekten an der Schnittstelle zur Kunst, z. B. mit der Künstlerin Eva Schlegel oder gemeinsam mit Damjan Minovski als 2mvd.

 

Oben wird gelernt.

Im Obergeschoß befinden sich die Denk- und Lernräume: eine öffentliche Bücherei, einsehbare Arbeits- und Lehrerzimmer sowie die Klassenzimmer. Diese sind durch Oberlichtbänder zu horizontalen Lichthöfen beidseitig erhellt und ermöglichen eine Blickbeziehung zu den benachbarten Klassenzimmern. Türenfenster erlauben immer wieder einen Blick hinein.

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Geometrisch sind die Raumformen der Klassenräume Sechsecke, sie erinnern an Waben. An die Stelle gerader Wände treten auf halber Höhe geknickte Schrägen. Am Knickpunkt ändert sich auch die Materialität von Glas zu Teppich. Der bis zu den Fensterbändern hochgezogene Teppichboden löst die Grenze zwischen Wand und Boden auf und trägt auch durch die akustische Qualität zum Raumkomfort bei. Diese Raumtypologie unterstützt gleichzeitig freies Denken sowie fokussiertes Lernen.

 

Architektur in IBK

Der horizontale Lichthof

lässt Tageslicht ins Haus.

Architektur in IBK

Auch im Innenraum dienen Stahlträger als Ornament... und Duschen!

Judith Widauer: Bilding

  

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as 2015 erbaute bilding ist ein spannendes Beispiel für die alternative Bespielung eines verrufenen Ortes, der lange als sozialer Un-Ort in der Stadt galt. Der frühere Parkplatz zwischen Städtischem Hallenbad und Rapoldipark beherbergt nun eine Kunst- und Architekturschule für Kinder und Jugendliche, die es schafft, dem Ort besonderen Charme und Atmosphäre zu verleihen.



Wenn Architektur inspiriert.

Das Konzept ist als solches österreichweit wahrscheinlich einzigartig: Hier können sich Kinder und Jugendliche kreativ in alle Richtungen ausleben, Fantasien entwickeln und eigenständig ihre Ideen realisieren und verwirklichen. Dazu lädt auch die Architektur des bilding ein. Mehrere ineinander verschachtelte Körper bilden einen lebendigen Innenraum, wo Werkstatträume entstehen, die durch schräge Wände und Rampen miteinander verbunden sind. Raumhohe Verglasungen erweitern den Raum und lassen die außenliegende Parklandschaft Teil des Ganzen werden.

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Konzipiert wurde das bilding als temporäres Bauwerk, das innerhalb eines halben Jahres mit Studirenden und einigen unterstützenden Firmen realisiert wurde. Dicke Brettsperrholzplatten übernehmen die Tragfähigkeit und die gesamte Wärmedämmung des Raumes. Die weiße PVC-Folie dichtet ab, schützt und bildet den optischen Abschluss des Gebäudes. Es zeigt sehr gut auf, wie reduziert und spannend ein Bauwerk sein kann und wie überflüssig vielleicht so manche bestehenden Normen und Bauvorschriften eigentlich sind.

Judith Widauer hat in Innsbrwuck und Melbourne Architektur studiert und ist seit 2012 Teil des interdisziplinären Kollektivs columbosnext.

 

Learning by Doing.

Das ganze Projekt wurde vom aut initiiert und in Kooperation mit Studierenden des ./studio3 der Universität Innsbruck erarbeitet. In einem Architekturwettbewerb ging dann der Entwurf von Niklas Nalbach hervor, welcher dann weiterbearbeitet, verfeinert und schlussendlich in Kooperation mit Studierenden, Fachleuten, Sponsoren und Freiwilligen umgesetzt wurde.

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So konnten alle Studierenden den ganzen Prozess direkt miterleben: angefangen vom Entwurf über einen Architekturwettbewerb bis hin zum eigentlichen Bauen.

Architektur in IBK

Schräge Wände, Rampen und raumhohe Verglasungen schaffen eine spezielle Atmosphäre

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