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MÄRZ 2019

Un(i)mögliche Geschichten

Die Bibliothek ist ein stiller Ort voller Literaturrebellen und alle Burschenschafter sehen aus wie Models – Hollywood zeigt, dass Filme über Studierende nicht viel mit der Realität in Innsbruck zu tun haben.

Fotos: IFC Films, Sony Pictures Classics, SoWi, Universal Pictures
Un(i)mögliche Geschichten

Um Fair zu bleiben: Nicht nur die meisten Burschenschafter schauen nicht aus wie die Jungs aus „Riot Club“. 

Un(i)mögliche Geschichten

Szenen wie in „Kill your Darlings“ sind in den Bibs in Innsbruck (im Bild rechts die SOWI-Bib) nicht zu erwarten.  

Un(i)mögliche Geschichten

Die Gute Nachricht: Auch spontane Gesangsausbrüche wie in der „Pitch Perfect“-Reihe sind unrealistisch. 

N

ichts ist so typisch für die Uni wie die Vorstellung von der Uni, denn wenn wir uns ehrlich sind, sind wir alle ein bisschen enttäuscht vom Campusleben: Statt nach Wissen zu gieren, jagt man lieber nach ECTS-Punkten, statt auf monströsen Campuspartys abzutanzen, trinkt man mit seinen Mitbewohnern traurig am Küchentisch, und der süße Jus-Student aus der Bib organisiert in Wahrheit eine Online-Petition gegen den „Gender-Wahn“. Filme über das Uni-Leben haben uns und unsere großen Erwartungen zerstört. Um zu zeigen, wie sehr, gibt es hier den Direktvergleich – Film vs. Realität. 

Studentenverbindungen.

Nach den Kursen an der Uni geht es zum Fechten, beim gemeinsamen Männerabend singt man die Nationalhymne, redet scheußlich über Frauen und lässt sich zum Tisch gebrachte Biere mit einem jovialen „Ego“ an den Platz reichen. Die Rede ist selbstverständlich von den Jungs des Riot Club im gleichnamigen Film. Einen selbsterklärt elitären Männerbund wie im besagten Film mit heimischen Studentenverbindungen zu vergleichen, ist völliger Unsinn, denn unter dem Cast von The Riot Club (2014) sieht selbst der Tribute von Panem-Star Sam Claflin aus wie eine Kartoffel.

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Bei den britischen Berufssöhnen sind die Sitten außerdem rauer: Nachdem sie beim üppigen Bankett die Escort-Dame mit bizarren Wün-schen verscheuchen und den frisch verliebten Max Irons (den Sohn von Oscar-Preisträger Jeremy) auf ähnlich grausige Art zum Single machen, verwüsten sie noch einen Pub und verprügeln den Wirt.

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Bei uns bleibt es, wie man in der Öffentlichkeit gerne diskutiert, beim brüderlichen Gesang aus verstaubten Liederbüchern und beim Demonstranten-Zuwinken mit ausgestrecktem rechtem Arm. 

Genies.

Will Hunting (Matt Damon) ist ein Genie. Allerdings hat er ein Problem mit Autoritäten und prügelt sich gerne, was ihn zu einem Dauergast vor Gericht und zum Hausmeistergehilfen auf Bewährung am Mathe-Mekka MIT gemacht hat. Unter der Obhut eines Professors (Stellan Skarsgård), der sein Talent zufällig entdeckt, entgeht Will dem Gefängnis, indem er für ihn rechnet und sich regelmäßig mit dem Therapeuten Sean Maguire (Robin Williams) trifft. 

Filme über das Uni-Leben haben uns und unsere großen Erwar-tungen zerstört.

 

Good Will Hunting (1997) ist, nicht zuletzt wegen des genialen Soundtracks von Elliott Smith, ein genialer Film über die Universität, der einem für immer im Gedächtnis bleibt. Und was hat das mit der LFU zu tun? Überall laufen Genies und andere tolle Menschen herum. Die Studierenden, die also gerne Bibliotheksmitarbeiter anmotzen, den Barista im Ubi-Chat stressen, Sitz- und Lernplätze ansauen und im Klo nicht runterspülen, sollten ab jetzt jederzeit damit rechnen, dass Matt Damon an einer Ecke wartet und sie mal ordentlich zusammenrechnet.

Die Bib. 

Kill Your Darlings (2013) heißt ein Streifen, der das kurze Uni-Leben von Beat-Poet und Literaturstudent Allen Ginsberg (Daniel fucking Radcliffe) und den Beginn seiner Karriere porträtiert. Mit dabei: massenhaft dreckige Szenen in der Bibliothek der Columbia University. Ginsberg bekommt an seinem ersten Uni-Tag eine Führung durch die heiligen Hallen.

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Vor der Vitrine der Gutenberg-Bibel im Lesesaal springt Lucien Carr (verkörpert vom genialen Dane DeHaan) auf ein Pult, klemmt sich eine Leselampe zwischen die Beine und kopuliert in die Luft, während er eine Passage aus Henry Millers „Wendekreis des Krebses“ rezitiert. Die Bibliothekarin stürmt herbei und holt entrüstet den Sicherheitsdienst, der den jungen Lucien sofort hinausjagt.

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Im imaginären Fehlersuchbildpaar, auf dessen anderer Seite eine Alltagsszene in der Innsbrucker Haupt-Bib abgebildet ist, kann der Amateur-Rätsler folgende Unterschiede festmachen. Erstens: Studierende der Geisteswissenschaften sind restlos vertrieben worden, die Flut an gelben Kodizes auf den (unbesetzten) Plätzen zeigt, dass das Recht die Stärkeren sind. Zweitens: Im Lesesaal, der in Prüfungszeiten durch sein brutal und rücksichtslos laberndes, dauernd am ultraharten Gangboden umherklapperndes Klientel akustisch eher einem erweiterten Pausenraum ähnelt, müsste schon jemand mit einem getunten Mofa dauerhupend durch die Gänge fahren, um ein bisschen aufzufallen. Drittens: Lucien wäre bei uns gar nicht erst auf ein Pult gestiegen, weil meistens alle leeren Plätze mit ein paar Zetteln und Anatomiebänden mindestens einen halben Tag lang besetzt sind. Viertens: Allen und Lucien sind Rebellen. Rebellen sind tot. 

Die Leute singen und tanzen meist schlechter, im Idealfall
gar nicht. 

Partys. 

Pitch Perfect (2012) ist ein ambitioniertes Filmprojekt, das in nur 111 Minuten zeigt, was an der Uni und der Welt generell richtig scheiße ist. Weil die Gesangsszenen für sensible Menschen nur mit starken körperlichen Schmerzen zu ertragen sind, der Film aber trotzdem Kult ist, wird hier nur auf eine Szene eingegangen: Nachdem die Protagonistin Becca (Anna Kendrick) nach einigem Hin und Her endlich im A-cappella-Chor aufgenommen wird, feiern alle Chormitglieder in einer Art Amphitheater direkt am Campus.

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„Du bist ein A-cappella-Mädchen. Ich bin ein A-cappella-Junge. Und wir werden A-ca-Kinder kriegen“, wirft Beccas Verehrer Jesse (Skylar Astin) ihr an den Kopf. Leute stehen rum, labern latent sexistisches, rassistisches und homophobes Zeug, bis irgendjemand einen Laptop in die Finger bekommt und schlechte Musik auflegt. Alle tanzen.

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Im Prinzip läuft es in Innsbruck genauso ab – mit dem Unterschied, dass man hier Chören, einer prächtig gedeihenden Erfindung Satans, aus dem Weg gehen kann. Statt am Campus (Gibt es so etwas in Innsbruck?) zu feiern, verlagert man Partys lieber in WGs. Dort wird meist getrunken, Songs werden gewechselt, es wird getrunken, der Typ mit dem Man-Bun zum Gitarre spielen gezwungen, getrunken, schlecht geflirtet, die Party von der MÜG aufgelöst, gezahlt, geräumt, aufgeräumt und schließlich bereut.

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Das Publikum von Innsbrucker Partys ist aufgrund der strikten Rudelbildung Vorarlberger, Deutscher und Südtiroler Studenten in der Regel weniger divers. Die Leute singen und tanzen meist schlechter, im Idealfall gar nicht.