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JUNI 2020

Aus der Nähe betrachtet

Gimme hope, my neighbours: In der Schillerstraße hat der Corona-Lockdown die Fenster für ein Miteinander geöffnet, das auch in der neuen Normalität nachhallen soll. Als Social Distancing angesagt war, reichte man sich hier statt Händen einfach Kuchen und sang sich gemeinsam aus der Einsamkeit.

Fotos: Franz Oss
M

it dem Kochen hat es Hannes nicht so. Dosensuppe wärmen geht noch, Spiegeleier braten nervt schon etwas, Fertigsugo über Nudeln kippen, grenzt an Haute Cuisine. Bis Mitte März war Hannes' Herd-Allergie allerdings kein Problem: Pünktlich zum Zwölfeläuten marschierte der 66-jährige Pensionist in die Innenstadt und stillte seinen Hunger in seinem Stammlokal. Bis Corona kam und die Gasthaus-Türen geschlossen waren. „Das hat mich total aus dem Alltag gerissen“, gesteht der Innsbrucker, der seit 37 Jahren in der Ing.-Etzel-Straße wohnt. Und seit vier Jahren der Familie Strickner über sein Raucherfenster in ihre Küche in der benachbarten Schillerstraße schauen kann. Gegrüßt hat man sich zwar schon vor der Krise, nett von Fenster zu Fenster geplaudert auch – aber das war’s dann schon. Jeder hatte seinen Alltag.

From a distance.

Als das Leben dann aber jäh in den eigenen vier Wänden eingekastelt war und die Außenwelt zur Sperrzone erklärt wurde, blieb plötzlich mehr Zeit für einen längeren Fenster-Hoangascht. Und so dauerte es nicht lange, bis Hannes’ Koch-Problem auf dem Tisch war. „Ich hab mir dann gedacht, dass es auf einen Esser mehr doch auch nicht ankommt“, erinnert sich Sandra Strickner, während sie ein großes Stück Schokokuchen auf einen Teller hievt. Und diesen über die Fenster-Route zu Hannes hinüber reicht, die von 17. März bis 15. Mai täglich geöffnet war. Pünktlich um 13 Uhr wechselte eine Portion vom Strickner-Menü also mehr als zehn Wochen lang die Adresse.

Gegrüßt hat man sich zwar schon vor der Krise, nett von Fenster zu Fenster geplaudert auch – aber das war’s dann schon. Jeder hatte seinen Alltag.

Hannes, Bewohner Schillerstraße

„Am Anfang wollte ich dieses Angebot gar nicht annehmen: Mir war das ein bisserl zu blöd“, gesteht Hannes. Aber nach dem dritten Dosensuppen-Eier­speis-Tag legte er seine Scham ab und nahm die lukullische Luftpost dankend an. In deren Genuss kommt er auch heute noch ab und zu – guten Freunden gibt man schließlich gern ein kulinarisches Küsschen.

Sanitäter in der Not.

Der Deal, für den sich der Mit-Esser mit Pizza, Fleischkäse oder vorpanierten Schnitzeln revanchierte, war übrigens nicht nur von Hannes von Vorteil – darin sind sich Sozialarbeiterin Sandra und ihr Mann Niki, der als Volksschullehrer arbeitet, einig. „Das hat uns Struktur gegeben – und die war wichtig in dieser Zeit“, sagt Niki. Sandra nickt. So einig waren sich die beiden in der Corona-Zeit allerdings nicht immer. „Am dritten Tag wollten wir uns gegenseitig aus dem Fenster werfen“, lacht die Mama von drei schulpflichtigen Buben. Und packt ein paar „Highlights“ aus ihrer Zeit als Rund-um-die-Uhr-Bespaßerin und Home-Schooling-Sekretärin aus. Schon beim Zuhören würde man da gern ein Beruhigungs-Sekterl trinken – aber Alkohol kann ja nicht immer die Lösung sein.

„Ich hab mir dann gedacht, dass es auf einen Esser mehr doch auch nicht ankommt.“

Sandra, Bewohnerin Schillerstraße

Im Fall der Strickners war die Musik der Sanitäter in der Not. Täglich um 18 Uhr griff Niki zur Gitarre, öffnete das Fenster zur Schillerstraße und schmetterte nach dem Vorbild der italienischen Balkonkonzerte los. Allein war er mit dieser Idee nicht. „Schon am ersten Abend haben sich in der Straße immer mehr Fenster geöffnet, aus denen dann gesungen und gespielt wurde. Mir war vor Corona überhaupt nicht klar, dass so viele Musiker in meiner Nachbarschaft wohnen“, sagt Niki und führt zu seiner luftigen Mini-Bühne, die er nach wie vor bespielt. Aber er ist bei weitem nicht der einzige Fensterbankl-Sänger, der auch in der neuen Normalität nicht ganz back to normal gehen will.

 

Fixpunkt: Die Fensterkonzerte ließen die Schillerstraßen-Bewohner näherrücken.

 

„Für uns waren diese Konzerte immer ein Fixpunkt in dieser verrückten Zeit.“

Melanie, Bewohnerin Schillerstraße

Applaus, Applaus.

Pünktlich um 18 Uhr öffnet sich an diesem Mai-Sonntag reihum ein Fenster nach dem anderen. Angie und Elena geben auf der Querflöte Mozarts „Kleine Nachtmusik“ zum Besten. Tom, der eigentlich Schlagzeuger ist, hockt und rockt lässig mit der Gitarre auf dem Fenstersims, von ganz hoch oben hört man den kleinen Toni das Titellied von „Pumuckl“ singen. Fahrradfahrer legen eine Zuhör-Pause ein, auf dem Gehsteig wuseln aufgeregte Kinder herum, die Knirpse David und Max sitzen mit Mama Melanie und Oma Johanna an ihrem Stammplatz im Erdgeschoß und schicken beim Zuhören Seifenblasen auf die Reise. „Für uns waren diese Konzerte immer ein Fixpunkt in dieser verrückten Zeit“, flüstert Melanie. Sie will Henry nicht stören, der gerade auf dem Gehsteig eine Arie anstimmt. Der Gesangslehrer wohnt eigentlich gar nicht in der Schillerstraße, aber die Kunde von den Fensterkonzerten hat auch ihn hergelockt und zum Mitmachen animiert. Gedankt wird ihm dafür mit lautem Applaus.

 

Ein ehrenwertes Haus.

Die gute Nachricht: Die Fensterkonzerte werden weitergehen. Darauf hat man sich in der Whats-App-Gruppe „Schillerstraße“ geeinigt. Jeden ersten Sonntag im Monat will man die lieb gewonnene Tradition fortsetzen und – wenn es die Lage irgendwann zulässt – auch ein musiklastiges Nachbarschaftsfest auf die Beine stellen. Es wäre ja auch zu schade, die Nähe, die in der Social-Distance-Phase entstanden ist, plötzlich wieder ad acta zu legen. Entstanden ist überdies eine Stockwerke-übergreifende Band, die seit kurzem auch einen Namen hat: „People next door“ nennt sich die fünfköpfige Kombo, deren Mitglieder sich vor dem Lockdown eigentlich nur vom Sehen kannten. Jetzt basteln Julia, Philipp, Jacob, Manuel und Moritz gemeinsam an eigenen Songs – natürlich nach wie vor mit dem gebotenen Abstand.

Aus der Nähe betrachtet

Nachhall: Auch nach der Krise wird jeden ersten Sonntag im Monat
gemeinsam musiziert.

Aus der Nähe betrachtet

„Ich hab ganz oft gehört, dass diese Stunde der einzige Wohlfühl-Moment des Tages war.“

Philipp, Bewohner Schillerstraße

Dass die Live-Momente in der Corona-Zeit auf ein derartiges Echo stoßen würden, damit haben sie nicht gerechnet. „Am Anfang hab' ich mir nur gedacht: Das war voll schön. Und dann hat es schon geheißen: Das machen wir morgen wieder“, lacht Julia, die im Brotjob als Schulassistentin arbeitet und mit Leib und Seele Musikerin und fanatische Fensterkonzertlerin ist. Nachbar und Neo-Bandkollege Philipp, der sein Geld eigentlich als Arzt verdient, schaut auch mit einem Lächeln auf die Corona-Gigs zurück. „Mir war lange nicht klar, wie wichtig diese Konzerte für die Leute waren. Aber ich hab ganz oft gehört, dass diese Stunde der einzige Wohlfühl-Moment des Tages war“, sagt er. Und erinnert sich an den Schriftzug aus Kreide, den die Kinder „ihren“ Musikern hinterließen: „Danke, ihr habt uns durch die Quarantäne gespielt“, war da zu lesen.

 

Es ist kurz vor 19 Uhr. Nach Zugabe-Rufen erklingt der letzte Song des Abends, der sich zum Schillerstraßen-Hit gemausert hat. „Gimme hope, my neighbours“, tönt es aus den Fenstern. Es war nicht alles schlecht in der Corona-Zeit.